Zitate

SCHERZ, SATIRE, IRONIE, DEUTSCHLAND UND TIEFERE BEDEUTUNG

Zitatesammlung

1)

Hier ist „kein Freizeitcamp für Selbstdarsteller, sondern der Ort der […] Repräsentanz.“

Dirk Wiese, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion (2025)

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2)

„Das Mitführen von Waffen, Munition und Sprengstoff, […ja, auch Spielzeugwaffen…] ist strengstens untersagt. Darüber hinaus gelten Gegenstände als störend, die als Wurfgeschosse verwendet werden können“

Hinweise zu Regelungen im Bundestag: https://www.tagesspiegel.de/mutzen-spielzeugwaffen-eier-all-das-ist-im-bundestag-verboten-13788340.html (2025)

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3)

„Der Bundestag ist ja nun kein Zirkuszelt.”

Friedrich Merz, CDU, Deutscher Bundeskanzler (2025)

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4)

„Wir kontrollieren jetzt an den Grenzen intensiver. Wir kontrollieren in etwa so wie während der Fußballeuropameisterschaft im letzten Jahr.“

Friedrich Merz, CDU, Deutscher Bundeskanzler (2025)

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5)

„Ich mache nicht nur leere Versprechungen, ich halte mich auch daran.“

Edmund Stoiber, CSU (2007)

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6)

„Die einzige Frau, die ich in meinem Leben je ernst genommen habe.”

Thomas Gottschalk, deutscher Entertainer und Moderator (2025)

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7)

„Ich hab die Frau nur dienstlich angefasst.“

Thomas Gottschalk, deutscher Entertainer und Moderator (2025)

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8)

„Sechsunddreißig Grad und es wird noch heißer.”

Liedtext: 36 Grad von 2raumwohnung (2007)

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9)

„Deutschland ist kein Labor für Gesellschaftsexperimente! Wir verweigern uns verantwortungslosen Experimenten mit und an unserem Volk.“

Björn Höcke und Alexander Gauland – 5 Grundsätze für Deutschland: https://www.youtube.com/watch?v=0dM_cgMJT88

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10)

„Das Geld fehlt nicht, es ist nur ungleich [falsch] verteilt.“

Heidi Reichinnek, Die Linke (2025)

 

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11)

„Frauenliteratur”

Buchtitel: Nicole Seifert: Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt (2021)

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12)

Gendern ist wie „eine Vergewaltigung von Sprache.“

Dieter Hallervorden, deutscher Schauspieler (2021)

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13)

„Da wird man sprachlos! Und die Grünen! Die Grünen!”

Horst Seehofer, CSU (2021)

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14)

„Und ich muss überlegen, was ich für meine Familie in meiner Wohnung ohne Ofen für eine Brennmöglichkeit kriege.“

Uwe Tellkamp, deutscher Autor (2022)

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15)

„Deutschland, aber normal.”

Wahlslogan der AfD zur Bundestagswahl (2021)

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16)

„Feministinnen sind alle hässlich und grässlich.“

Maximilian Krah, AfD-Spitzenkandidat für Europawahl (2024)

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17)

„Die strukturelle Benachteiligung von Frauen gleicht einem Yeti: Jeder spricht darüber, aber noch niemand hat ihn ernsthaft gesehen.”

Nicole Höchst, AfD-Bundestagsabgeordnete (2018)

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18)

„Von wegen Frieden durch den Euro – das Gegenteil ist der Fall! Wir gehen auf bürgerkriegsähnliche Zustände zu!”

Matthias Wohlfarth, (Thüringer Ex-AfD-Landessprecher), DR-Interview (2014)

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19)

„bunte Republik“

Alexander Gauland, AfD (2016)

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20)

„Ich sage diesen linken Gesinnungsterroristen, diesem Parteienfilz ganz klar: Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht – denn wir sind das Volk, liebe Freunde.“

Markus Frohnmaier (Bundesvorsitzender der Jungen Alternative (JA), (handelsblatt.com 02.12.15/spiegel.de 26.11.15)

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21)

Drecksarbeit // Zirkuszelt // Sozialtoursimus // Kleine Paschas // Intergrationsverweigerer // Sozialamt der Welt // Deutsche Leitkultur // Messer-Migration // Die AfD halbieren

Friedrich Merz, CDU, deutscher Bundeskanzler, 2024-2025

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22)

„Bei der Migration sind wir sehr weit, […] Aber wir haben natürlich immer noch im Stadtbild dieses Problem und deswegen ist der Bundesinnenminister ja jetzt auch dabei in sehr großem Umfang Rückführungen zu ermöglichen.“

Friedrich Merz, CDU, deutscher Bundeskanzler, 2025

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23)

„Meine enorme Freude darüber, dass dieses Buch […] nach nur 88 Seiten schon vorüber war, verbietet jeden Gedanken an einen Verriss.”

Denis Scheck über: Elke Heidenreich – Frau Dr. Moormann & ich (2023)

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24)

„Das ist ein Skandal, wie sie schreibt. Wen interessiert schon, was die Frau denkt, was sie fühlt, während sie menstruiert? Das ist keine Literatur – das ist ein Verbrechen.“

Marcel Reich-Ranitzki über Karin Struck (1975)

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25)

Das N-Wort aus Kinderbüchern streichen? „ein feiger, vorauseilender Gehorsam vor den Tollheiten einer auf die Kunst übergriffigen politischen Korrektheit“.

Denis Scheck zur Kinderbuch-Debatte (2013)

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26)

„Ein bisschen Patriotismus kann nicht schaden.“

Markus Kurze, AfD (2925)

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27)

„Solche Menschen müssen wir selbstverständlich entsorgen.“

Petr Bystron, AfD, stimmte Gauland (AfD) zu, der Integrationsbeauftragte Aydan Özoğuz „in Anatolien entsorgen“ wollte (2017)

 

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28)

„Ich habe nicht in erster Linie wegen des äußeren Drucks abgenommen, es war keine Reaktion auf die Kommentare und Abwertungen im Netz.“

Ricara Lang, Bündnis 90 DieGrünen, 2026.

29)

„Weil Fleiß und Intelligenz nicht in allen sozialen Gruppen gleich verteilt sind.”

Dr. Hans-Thomas Tillschneider, AfD (2025)

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30)

„Migrationsobergrenze“

Wahlprogramm AfD Brandenburg (2024)

 

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31)

„kein Schüler, der kein Deutsch spricht, jemals wieder eine normale Klasse von Innen sehen“

Dennis Hohloch, AfD (2024 auf seinem Instagram-Kanal)

 

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32)

„Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass ich  […] keine Erinnerung habe.“

Olaf Scholz, SPD (2022)

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33)

„Ich sehe das als ganz gesunden Streit. Denn es […] geht um große Fragen: […] Wie kann man die sexistische Kultur […] durchbrechen? Dass es da mitunter wild und laut […] zugeht, finde ich nachvollziehbar.“

zitiert nach: Elena Philipp „Theater und Macht – Beobachtungen am Übergang der Heinrich-Böll-Stiftung (2021)

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34)

„Ja, man muss sich sehr zusammenreißen, um seinen schlechten Ruf aufrecht zu erhalten.“

Paulus Manker, österreich. Schauspieler und Regisseur (zitiert in einer Dokumentation: Gegen das Schweigen. Machtmissbrauch in Theater und Film aus dem Jahr 2024.)

 

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35)

„[e]ine Vergewaltigung findet nicht unabhängig von sexuellen Reizen statt […] Der Mensch ist nicht immer Herr seiner Triebe.“

Dubravko Mandic, ehemaliges Mitglied der AfD (zwischen 2019 und 2022)

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36)

„Dem Flüchtling ist es doch egal, an welcher Grenze, an der griechischen oder an der deutschen, er stirbt.“

Günter Lenhardt, AfD (2016)

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37)

„Ein Land das jeden rein lässt, wird genauso geachtet, wie eine Frau, die jeden ranlässt.“

Johannes Normann, AfD (2021)

 

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38)

„Wir müssen unsere Männlichkeit wieder entdecken, denn nur, wenn wir unsere Männlichkeit wieder entdecken, werden wir mannhaft.“

Björn Höcke, AfD (2015)

 

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39)

„If rape is inevitable, relax and enjoy.”

Hartmut Harro Renk, deutscher Generalmajor (2025)

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40)

„Nie und nimmer habe ich eine Frau vergewaltigt. Noch bin ich ein Raubtier, Ich bin nur ein Mann.”

Gerald Depardieu, französischer Schauspieler (2024)

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41)

„Bitte tun sie’s nicht.”

Robert Habeck, Die Grünen (2025) im Kontext der Abstimmung mit der AfD (Brandmauer)


 

“Liebe Zuschauer*innen, ich stehe heute hier, weil mir etwas unter den Nägeln brennt. Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen. Es ist die Geschichte vom Teufel, der auf die Erde kommt und alles bleibt, wie es ist, weil es den Teufel nicht mehr braucht, um dem Abgrund entgegenzugehen.”

(Ausschnitt aus: Scherz, Satire, Ironie, Deutschland und tiefere Bedeutung, 2025/26)

Zur Inszenierung:

Weil in der Hölle geputzt wird, muss der Teufel auf die Erde ausweichen. Zu kalt ist es ihm hier, das macht ihn verdächtig in der Gesellschaft, denn immerhin prasselt die Sonne auf den Planeten und die Natur schwitzt. Doch dass es sich bei dem Wesen mit dem Huf und den schnellen Lügen auf der Zunge um den Satan höchstpersönlich handelt, passt nicht ins System der anwesenden Gelehrten, Literaten, Barone, Nichten, Verlobten und Schulmeister; genauso wenig wie die Erkenntnis, dass nicht der Teufel die Quelle allen Übels ist, das im Laufe der nächsten Tage geschehen wird, auch wenn es zunächst so scheint. Doch wer, wenn nicht das inkarnierte Böse selbst, ist verantwortlich für die vielen Grausamkeiten auf dieser Welt? Braucht es den Teufel womöglich gar nicht, um die Hölle auf Erden zu sein?

Mit der Radikalkomödie Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung hat Christian Dietrich Grabbe seiner Zeit den Literaturbetrieb einmal kräftig durchgemischt. Man könnte fast meinen, er hätte mit seinem Text der Regeldramaturgie an den Karren pissen wollen, denn hier treffen in einer losen Szenenfolge ohne Einheit von Zeit, Ort und Handlung verschiedene komödiantische Genres und knapp 30 Figuren mit Vorbildern aus dem bürgerlichen Trauerspiel, der Burlesque und dem Schwank aufeinander; und dann sprechen die Herren und die Dame auch noch so viel, dass man davon ausgehen muss, sie hören sich selbst gerne reden und der Autor wolle die Geduldsfäden des Publikums auf Spannung halten. Es wird geflucht, geschlagen, gesoffen, gefrotzelt, gehasst, gekidnappt, getötet, gelästert, geweint, geschrien, gewütet, fast so, als wären die Gesetze gesellschaftlichen Miteinanders nur für die anderen gemacht. Ohne Rücksicht auf Verluste adaptiert paradiesmedial nun mehr als 200 Jahre später diese Komödie über die Welt aus den Fugen, aktualisiert, radikalisiert das Radikale, politisiert und musikalisiert, was das Zeug hält. Und wenn Sie irgendwann denken, Sie sind nicht nur im Theater, sondern auch im deutschen Bundestag gelandet, dann ist das nichts weniger als pure Absicht. Denn das Stück dient dem Ensemble im Jahr 2025 als Ausgangspunkt, um mit den Mitteln Schauspiel, Live-Musik und Objekttheater über Demokratie nachzudenken und die grotesken Auswüchse einer auf Meinung und Selbstdarstellung ausgerichteten Debattenkultur abzubilden, deren Mitte immer weiter nach rechts rückt. Hierfür wurden in die 200 Jahre alte Stückfassung Zitate von deutschen Politiker:innen und Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben eingeschleust. Diese Zitate erlauben Assoziationen zu Parallelen zwischen der 200 Jahre alten Narrativen und den Themenkomplexen Rechtsruck und menschenverachtende Ideologie. Gleichzeitig dienen die Zitate auch dazu, Theater und Politik als System mit vergleichbaren Machtgefällen und Konflikten abzubilden – oder zumindest deren inhärentes Regelwerk offenzulegen, das die Maschine am Laufen hält. 

Macht die Tür zu! Schließt den Vorhang! Niemand will das sehen!

Über Grund, Ursache und Anlass von Scherz, Satire, Ironie, Deutschland und tiefere Bedeutung (von Hannah Schassner)

Ich habe Scherz, Satire, Ironie, Deutschland und tiefere Bedeutung im Rahmen meines Studiums bestimmt drei Mal gelesen. Und drei Mal dachte ich: Irgendwann möchte ich diese Metakomödie inszenieren. In diesem Jahr darf ich mir diesen Wunsch erfüllen, und so sehr ich mich freue, so sehr habe ich auch während des Probenprozesses immer wieder über mich selbst den Kopf geschüttelt. Was habe ich mir denn dabei gedacht? Wie soll man das denn auf eine Bühne bringen? Denn das, was auf dem Blatt Papier so spielerisch zu verstehen scheint, was so lustvoll zu beschreiben ist und solchen Spaß macht, zu denken und zu entschlüsseln, ist auf der Bühne eine nahezu undurchdringbare Textwüste an Figuren, Anspielungen und kaum darstellbaren historischen und fantastischen Kontexten. Die erste Leseprobe des originalen Textes mit dem Ensemble dauerte über drei Stunden (reine Lesezeit!) und die Fragezeichen in den Gesichtern aller Anwesenden waren groß – inklusive meines Gesichts. Die Hermetik des Textes als Produkt seiner Zeit, mit Anspielungen auf das öffentliche Leben von vor 200 Jahren, wirkte außerhalb des universitären Kontextes plötzlich ein wenig beängstigend. Wie eitel ist der Text, wie undurchdringbar, fragten wir uns? Und wir mussten uns fragen: Wie sollen wir diesen Text für heute interessant machen? Hat das, was da steht, wirklich etwas mit uns zu tun? Hierfür fragten wir uns: Was ist eigentlich die Geschichte, die da erzählt wird? Ist sie verständlich und zwischen all den Schlagabtäuschen, brachialen Monologen, die vor Männlichkeit und Gewalt und Arroganz nur so strotzen, diesen holzschnittartigen Figuren und intertextuellen Insidern als selbstständige Narration erzählbar? Und wenn ja, ist sie es dann überhaupt wert, heute erzählt zu werden? Was ist die heutige “Bedeutung” eines Stücks, das per se die Frage nach Bedeutung im Theater ad absurdum führt? Die Antwort auf all diese Fragen fand ich erst im Laufe des Arbeitsprozesses. Und manche auch erst, während ich diesen Text schreibe und darüber nachdenke: Wieso Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung?

An dieser Stelle: einen Riesen Dank an das großartige Ensemble, das diese Reise – und sie war nicht einfach – auf sich genommen hat.

Vielleicht ist jede Geschichte es wert, erzählt zu werden, wenn sie gut erzählt wird?, frage ich mich. Darauf zumindest habe ich mich zu Beginn der Überlegungen zu Scherz, Satire, Ironie, Deutschland und tiefere Bedeutung als eine Art Zauber-Formel in immer wieder unterschiedlichen Formulierungen berufen, wenn ich das Ensemble und mich selbst dazu ermunterte, im Probenprozess erst Mal zu machen, das Theater und seine verschiedenen Spielformen zu feiern und alles auszuprobieren, was nicht allzu abwegig scheint. Auch eine Geschichte, in der nichts oder kaum etwas passiert, kann eine gute Geschichte sein, wenn die Art der Erzählung, also die Form interessiert oder etwas über sich hinaus erzählt, nicht wahr? Dann kann eine Geschichte faszinieren, berühren, amüsieren, verführen. Mich berührt am meisten, wenn ich auf der Bühne eine Dringlichkeit sehe, also einen Grund, wieso diese Geschichte auf genau diese Art und Weise erzählt wird. Mein Grund, diese Geschichte zu erzählen, hat sich im Laufe der Zeit, in der wir uns mit dem Grabbe beschäftigten, verändert: Aus meiner anfänglichen Faszination für die freche, oder naja: provokative Schreibhaltung des Autors wurde das Interesse für die Dinge, die der originale Text nicht erzählt. Trotz großer Textmassen, etlicher Monologe, Dialoge und Massenszenen bleibt es bis zuletzt fraglich, warum der Teufel tut, was er tut. Zu begründen, dass der Teufel eben tue, was der Teufel tue, weil er der Teufel ist, scheint zu kurz gegriffen, bedenkt man, wie wenig Angst die anderen Figuren, sobald sie dann irgendwann doch erkennen, dass er der Teufel ist, vor ihm haben. Teufel bleibt ein Name, ein Konstrukt, eine Projektionsfläche. Der Teufel ist den anderen eigentlich schnurzpiepegal. So sicher sind sie sich in dem, was sie tun; sie haben nichts zu verlieren. Sie leben ihr Leben weiter, lassen geschehen oder setzen um, was er fordert und am Ende wird geheiratet. Die Figuren hatten scheinbar schon vorher keine “Moral”, keine Werte, kannten und kennen nur die eigenen Bedürfnisse und die Wege, die zur Erfüllung ihrer Ziele führen. Je intensiver ich mich mit dem Text beschäftige, desto interessanter finde ich also die Beziehung der Teufel-Figur zu den anderen Figuren im Stück. Ich begann mich zu fragen, wie viel Einfluss der Teufel tatsächlich auf die Handlungen der Figuren habe oder ob er durch seine spielerischen Intrigen nicht eher eine Art Brandbeschleuniger sei. Zur selben Zeit, als wir damit begannen, über das Stück nachzudenken, flammte die Debatte um die sogenannte Brandmauer auf. Robert Habeck sagte: “Bitte tun Sie’s nicht” und meinte Friedrich Merz’ Entschluss Ende Januar 2025, gemeinsam mit der AfD einen Gesetzesentwurf zur Migrationspolitik zu verabschieden. Die Brandmauer, die ideelle und ideologische Grenze zwischen der politischen Mitte und dem rechten Rand, war gefallen. Was einst als extrem(istisch) galt, wurde normal; der Ruck rückte so nach rechts, dass in der Mitte jetzt die Linken sitzen und winken. Nichts davon überrascht, nichts davon schockiert, nichts davon war nicht vorhersehbar. So vorhersehbar wie das Ende in Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung: Natürlich verschwindet der Teufel am Ende wieder in der Hölle und alle tun so, als wäre nichts passiert. Das einzige, was sich verändert hat, ist alles. Alles ist anders und alles bleibt gleich. Oder wie die Landungsbrücken in ihrer Stückankündigung schreiben: “Früher war auch nicht immer alles so toll, wie wir glauben, wenn wir an die Gegenwart denken.” 

Der Teufel hat es vielleicht möglich gemacht, zugelassen haben wir es. 

Willkommen in und zu Scherz, Satire, Ironie, Deutschland und tiefere Bedeutung

Über “Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung” (von Hannah Schassner)

Ich habe im Zuge meiner Vorbereitung für die Inszenierung meinen Germanistik-Aufsatz aus dem Seminar “Neue Dramatik” über das Stück von 2011 wieder herausgeholt. Und auch wenn er vielleicht ein wenig nach Literaturwissenschafts-Bla-Bla klingt, so fand ich ihn doch hilfreich, um mich während meines eigenen Schreibprozesses zum Zwecke der Adaption des Textes mehr als 200 Jahre nach Erscheinen zu meinem eigenen Schreibakt in Beziehung zu setzen. Aus diesem Grund möchte ich ihn hier mit Ihnen und Euch teilen, auch wenn er möglicherweise sehr viele Fachbegriffe nutzt und ein bisschen sehr theoretisch daherkommt.

Ich habe versucht beim Schreiben der Adaption Scherz, Satire, Ironie, Deutschland und tiefere Bedeutung mit einer Furchtlosigkeit, aber auch eben solcher Wut, Selbstironie und Lust am Diskurs zu schreiben wie Grabbe es wohl im Jahr 1822 gemacht haben muss. Und ich habe versucht, die tiefere Bedeutung dort zu finden, wo meine ganz reale heutige Angst sitzt: in dem Wissen, dass Theater niemanden davon abhalten wird, bestimmte politische Entscheidungen (nicht) zu treffen oder bestimmte menschenverachtende Ideologien (nicht) zu unterstützen. Und auch unser “Bitte tun Sie’s nicht” wird das, was uns hier wie dort – in Deutschland, wie global – gerade menschengemacht auf uns zukommt, nicht ändern. 

Und wenn das so ist, wie es ist, dann kommt dem Ganzen hier noch nicht Mal mehr die Satire bei. Ein alter, abgedroschener Satz, der mehr ist als pure Provokation; wenn die Satire nichts mehr kann, bleibt nur noch Zynismus übrig.

Und jetzt: Literaturwissenschafts-Bla-Bla:

Die Forschung zu Grabbes Text Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung (1822) hatte Mitte der 1980er ihre Blütezeit. Heute wird er in der Literaturwissenschaft und auch in der Theaterwissenschaft kaum mehr diskutiert, wenngleich er doch in beinahe jeder Einführung in die Komödientheorie oder Literaturwissenschaft zumindest auf der Leseliste steht; gerade dann, wenn Johann Christoph Gottscheds Regelpoetik Versuch einer critischen Dichtkunst (1730) thematisiert wird. Denn Grabbes Text kann in seiner Beschaffenheit als Text wie eine intertextuelle Satire auf die darin formulierten Ansätze beschrieben werden. Entscheidend ist nach Gottsched (und auch nach Lessing wenige Jahre später) die Einheitlichkeit, Natürlichkeit und Wahrscheinlichkeit der Handlung. Verwickelte Episoden und romanhafte Wendungen, wie sie das Barocktheater kannte, lehnte die Regeldramatik ab. Mit diesem Wissen scheinen die in Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung wenig psychologisch motivierten Figuren, die Absurdität der Entscheidungen der Personen und Wendungen in der Narration wie ein Kommentar auf die “Logik” einer solchen Erzählung. Diese Tatsache macht das Stück für Theatermacher:innen gleichermaßen interessant als auch uninszenierbar; denn auch wenn die Figuren auf den ersten Blick komplex scheinen, so stellt man bei näherer Beschäftigung fest, dass ihnen ihr Autor kaum eine Entwicklung erlaubt und die Handlung mit wenig feiner Nadel zusammen näht, nur, damit am Ende die rettende Hochzeit geschehen kann. Die schöne Nichte Liddy bleibt die schöne Nichte Liddy, der hässliche Mollfels bleibt der hässliche Mollfels und der widerliche Freiherr von Mordax bleibt der widerliche Freiherr von Mordax. Absicht? Natürlich. Satire wohl? 

Satire hat per definitionem die Aufgabe, sich als literarische Haltung zu ihrer Zeit in Beziehung zu setzen und ihr den sprichwörtlichen Spiegel vorzuhalten. Sie bezieht sich meistens auf ein außerliterarisches, aktuelles Angriffsobjekt und hängt damit als erzählerische Spielform stark von ihrem eigenen historischen und soziokulturellen Kontext ab. Und Grabbes Text beweist das nicht zu knapp: Die satirischen Angriffsobjekte des originalen Text sind Literat:innen und Menschen aus dem öffentlichen Leben seiner Zeit. Kaum ein Name – außer der Gottscheds oder Grabbe selbst – kommt einem heute noch bekannt vor, wenn man den originalen Text liest. Die Satire im Grabbe-Text also kommuniziert mit ihrer Zeit, muss also, um aktuell zu sein, ihre neue Zeit mitdenken. Demnach wurden Bezüge in unserer Textfassung aktualisiert und an den deutschen (Schul-)Kanon angepasst.  Ironie? Bedeutung? Nun ja!?Während sich viele Literaturwissenschafler:innen an den vier poetologischen Begriffen des Titels abarbeiten, die ohne Frage einen Klimax in der poetologischen Intensität darstellen, lohnt es sich auch, den Text anhand der zwei Handlungsstränge des Stückes zu betrachten: 1. der Lustspielhandlung um Liddys und Mollfels Vermählung sowie 2. der politische und weltanschauliche Diskurse ansprechenden Handlung um Teufel und Schulmeister. Die Lustspielhandlung um Liddy wird von den weltanschaulichen Episoden über Werte, Literatur und Gesellschaft zumeist verdrängt. Die Gespräche des Schulmeisters mit Gottlieben, dem Teufel oder sich selbst über Bücher und Politik lassen sich mit einer Breite, die schwindeln macht, im ganzen Stück aus. Dementsprechend wundert es auch nicht, dass der Dreiakter trotz der geschlossenen Fabel um Liddys Vermählung, die aber so verstreut zwischen den weltanschaulichen Abschnitten auftaucht, keine Rücksicht auf die drei Einheiten von Zeit, Ort und Handlung nimmt und sich vieler verschiedener Formen des Komischen bedient: So gibt es harmlose Scherze und Wortwitze, niedrig-komische Schwank-Szenen, ironisches Heraustreten aus der Rolle und vor allem satirisches Infragestellen von zeitgenössischer und klassischer Literatur und ihrem Publikum durch viele  intertextuelle Verweise. Hier gibt es zwei verschiedene Formen der Satire und damit auch zwei Funktionsweisen, die sich einerseits dem Schulmeister und andererseits dem Teufel zuordnen lassen: Die Angriffsobjekte der Satire des Schulmeisters sind vor allem zeitgenössische Erfolgsautoren, die durch Zitate, ironische Anspielungen, Seitenhiebe und lustige Verdrehungen angegriffen werden. Der Wissenschaftler Florian Kragl arbeitet heraus, dass die Satire des Teufels von anderer Intensität sei als die des Schulmeisters: Die traditionsträchtige Figur, die hier aber alles Diabolische verloren zu haben scheint und mehr wie ein naives Kind agiert, verspottet sogar die Klassiker der Literaturgeschichte: ,„Schiller, Shakespeare, Calderon, Dante, Ariost, Horaz“ werden von ihm allesamt in die Hölle verfrachtet. Der Teufel legt so im Gegensatz zur eher harmlosen, spöttischen Satire des Schulmeisters eine „konsequente destruktive Ironie“ an den Tag: Dies wird verdeutlicht, wenn er beispielsweise die romantische theatrum-mundi-Metapher bewusst in Nihilismus invertiert, als er die Welt im sogenannten Literaturgespräch mit Rattengift als „mittelmäßiges Lustspiel“ bezeichnet. Der Dialog der beiden kann als Schlüssel zum Verständnis der satirischen Auseinandersetzung mit Literatur in all ihren Facetten in Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung betrachtet werden: Denn als der Teufel einschneidende historische Ereignisse wie die Französische Revolution (in unserer Aktualisierung: Russland-Ukraine-Krieg) als Literatur aus seiner Feder aufdeckt, kritisiert ihn Rattengift nicht, wie erwartet, mit inhaltlicher Empörung, sondern rein formal: „Aber der Unwahrscheinlichkeiten, der Freiheiten, die Sie sich mit Zeit und Ort herausnehmen, sind doch allzuviele!“ Er bewertet den literarischen Teufel nach Kriterien der starren Regelpoetik, nicht ob ihrer Widerlichkeit im Inhalt. Indem Grabbe auch schon zuvor die Schreibstrategie des Dichters Rattengift als unsinnig ver-lachbar macht, weil er gedankenlos, in starre Reimkorsette gezwängt und wie willkürlich inhaltlich leere Sätze aneinanderreiht, führt er die Fragwürdigkeit der idealistisch-romantischen Literatur vor und etabliert eine ironische Distanz zu Rattengift. So verwirft Grabbe Positionen aus Gottscheds rationalisiertem Versuch einer critischen Dichtkunst zu Dramen allgemein und zur Komödien im Speziellen: Die Abwertung dieser gegenüber der Tragödie wird verworfen sowie eine zu vermittelnde Aussage und das zentralistische Gesamtkonzept. Dieser Tendenz setzt Grabbe zum Schluss des Stückes eine Krone auf, wenn er nach dem glücklichen Ausgang der Lustspielhandlung „mit einer brennenden Laterne“ selbst die Bühne betritt und ganz wortwörtlich ›zur Aufklärung anrückt‹. Auf diese Art und Weise wird klar, dass es sich bei Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung um eine „Metasatire“ handelt, „da das satirische Bewußtsein auch sich selbst verspottet“. Der Autor Grabbe inszeniert sich eben durch die Satire nicht als moralisch und inhaltlich überlegene Instanz, sondern schließt sich selbst mit in den Spott ein. Grabbes Stück setzt sich also im Schreibakt selbst wie auch explizit im Text kritisch mit der frühaufklärerischen Regelpoetik von Gottsched auseinander. Die tiefere Bedeutung liegt paradoxerweise in der sich dem moralischen Lehrsatz widersetzenden Infragestellung von Bedeutung. Das Stück setzt mit seinen satirischen Formen die Kalikulierbarkeit, Rationalität und Zweckmäßigkeit von Literatur und Kunst aufs Spiel und führt durch den Verzicht auf eine eindeutige Wertungssteuerung und eine dadurch erschwerte Kommunikation zwischen Text und Rezipient:innen genaugenommen die Funktion von Satire selbst ad absurdum. Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung ist also eine Nicht-Komödie.